Erkenntnisse von Linguistik und Soziologie zur Homosexualität

Der Genfer Linguist Ferdinand de Saussure suchte vor über einem Jahrhundert Sprach- und damit Denkstrukturen dichotomisch zu fassen und wurde so zum Begründer des Strukturalismus, der jedoch erst mit einiger Verzögerung seinen Siegeszug in der Wissenschaftsgeschichte antrat. Spätestens mit der Postmoderne und den poststrukturalistischen Theoretikern aber wissen wir, dass Gegensatzpaare wie „phobos“ (Furcht) vs. „philia“ (Liebe) oder „andros“ (Mann) vs. „gynos“ (Frau) die Welt nicht realistisch fassen können. Gleiches gilt für die Begriffe „homo“ (gleich) vs. „hetero“ (verschieden). Die Unterscheidung zwischen Homosexualität und Heterosexualität impliziert eine Entscheidung, ein Dazwischen ist nicht vorgesehen. Doch ebenso wie sich Menschen eindeutig „Rassen“ zuordnen lassen, kann man die sexuelle Präferenz eines Menschen eindeutig bestimmen. Typologien bilden Wirklichkeit nicht nur ab, sondern entwerfen diese auch. Mit sprachlichen Kategorien beschreibt und entwirft man Realität. Sie sind daher stets deskriptiv und normativ zugleich. Wie tolerant eine Gesellschaft mit Homosexuellen umgeht, ist daher ein Indikator auch dafür, inwieweit sich derartige Erkenntnisse in den Köpfen der Menschen bereits manifestiert haben. Dass es in weiten Teilen Europas als Homosexueller inzwischen möglich ist, ganz offen auf Partnersuche zu gehen, ist mithin nicht nur Beweis der Toleranz der westlichen Gesellschaft, sondern auch der Bildung. Inzwischen kann sogar eine Partnervermittlung im Internet ohne Probleme auch Lesbierinnen und auch uns Schwule vermitteln.

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